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Seltene Erden in der Ukrainischen Wirtschaft: Eine neue Variable im geopolitischen Machtspiel – können sie Chinas Dominanz innerhalb von zehn Jahren erschüttern?

Der aktuelle Stand der Seltenen-Erden-Ressourcen der Ukraine: Potenzial und Grenzen existieren nebeneinander

1. Reserveverteilung und -arten
Die Seltene-Erden-Vorkommen der Ukraine verteilen sich hauptsächlich auf folgende Gebiete:
- Donbass-Region: reich an Apatitvorkommen seltener Erden, aber aufgrund des russisch-ukrainischen Konflikts ein Hochrisikogebiet.
- Kryvyi Rih Becken: Seltene Erden in Verbindung mit Eisenerz, hauptsächlich leichte Seltene Erden (wie Lanthan und Cer).
- Oblast Dnipropetrowsk: Es gibt Vorkommen an Seltenen Erden in Verbindung mit Uran, aber der Entwicklungsstand ist niedrig.

Laut Angaben des ukrainischen Geologischen Dienstes belaufen sich die gesamten Seltene-Erden-Oxid-Reserven (REO) auf **500.000 bis 1 Million Tonnen**, was etwa **1–2 %** der weltweit nachgewiesenen Reserven entspricht. Damit liegen sie deutlich unter denen Chinas (ca. 37 %), Vietnams und Brasiliens. Leichte Seltene Erden sind die Hauptgruppe, während schwere Seltene Erden (wie Dysprosium und Terbium) selten sind. Letztere stellen jedoch Kernmaterialien für die Bereiche neue Energien und die Rüstungsindustrie dar.

2. Technologische Defizite und geopolitische Risiken
Trotz vorhandener Ressourcen steht die ukrainische Seltene-Erden-Industrie vor vielfältigen Herausforderungen:
- Veraltete Abbautechnologie: Das aus der Sowjetzeit übernommene extensive Abbaumodell führt zu geringer Effizienz und es mangelt an moderner Reinigungstechnologie;
- Infrastrukturschäden: Der Konflikt hat die Transport- und Stromversorgungssysteme im Bergbaugebiet lahmgelegt, was die Wiederaufbaukosten in die Höhe treibt;
- Umweltbedenken: Der Abbau von Seltenen Erden könnte die ökologischen Probleme in der Ostukraine verschärfen und öffentliche Proteste auslösen.

Mineralienabkommen zwischen den USA und der Ukraine: Chancen und Herausforderungen

Im Jahr 2023 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die Ukraine eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit im Bereich kritischer Mineralien. Ziel ist die Erschließung der ukrainischen Seltenerdvorkommen durch finanzielle und technische Unterstützung. Sollte das Abkommen umgesetzt werden, könnten sich folgende Veränderungen ergeben:
- Erster Aufbau der industriellen Wertschöpfungskette: US-Unternehmen können beim Bau von Minen und Anlagen zur Primärverarbeitung helfen, aber für die Raffination und High-End-Anwendungen werden weiterhin externe Partner benötigt.
- Geopolitischer Wert: Ukrainische Seltene Erden können als Ergänzung zur „Ent-China“-Lieferkette in Europa und den Vereinigten Staaten dienen, insbesondere im Bereich der leichten Seltenen Erden;
- Hohe Abhängigkeit von der Finanzierung: Das Projekt muss weiterhin westliches Kapital anziehen, doch die Kriegsgefahr könnte das Vertrauen der Investoren untergraben.

 

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Wird China in zehn Jahren ablösen? Die Kluft zwischen Realität und Ideal

Obwohl die Zusammenarbeit zwischen den USA und der Ukraine Raum für Fantasie bietet, ist es zweifelhaft, dass die ukrainische Seltene-Erden-Industrie China innerhalb von zehn Jahren ersetzen wird, und zwar aus folgenden Gründen:

1. Enorme Ungleichheit bei den Ressourcenausstattungen
Chinas Reserven an Seltenen Erden machen 37 % der weltweiten Gesamtreserven aus und umfassen alle 17 Elemente, insbesondere das Monopol der schweren Seltenen Erden, das schwer zu erschüttern ist;
- Die Ukraine verfügt nur über begrenzte Reserven an leichten Seltenen Erden, und die Abbaukosten sind wahrscheinlich höher als in China (die Abbaukosten in Baotou, China, sind die niedrigsten der Welt).

2. Die Reifelücke der Wertschöpfungskette
China kontrolliert **60%** der weltweiten Seltene ErdenBergbau und **90%** seiner Raffineriekapazität und besitzt eine komplette industrielle Wertschöpfungskette von den Minen bis zu Permanentmagneten;
Die Ukraine muss Raffinerien und Industrien mit hoher Wertschöpfung von Grund auf neu aufbauen, und zehn Jahre reichen gerade einmal für die Fertigstellung der ersten Planungsphase aus.

1. Geopolitische und wirtschaftliche Risiken
- Der andauernde Konflikt zwischen Russland und der Ukraine wird es schwierig machen, die Sicherheit der Bergbaugebiete zu gewährleisten, und das internationale Kapital wird eine abwartende Haltung einnehmen;
China könnte Preisregulierungen und technologische Marktzugangsbeschränkungen einsetzen, um aufstrebende Wettbewerber zu unterdrücken und seine Marktposition zu festigen.

4. Dynamik der Marktnachfrage
Die weltweite Nachfrage nach Seltenen Erden wird bis 2030 voraussichtlich auf 300.000 Tonnen pro Jahr ansteigen, wobei der Anstieg hauptsächlich auf Elektrofahrzeuge und Windkraft zurückzuführen ist. Selbst bei voller Produktionskapazität der Ukraine wird es schwierig sein, die Lücke zu schließen.

Fazit: Teilweiser Ersatz statt umfassender Umgestaltung

Im nächsten Jahrzehnt könnte die Ukraine zu einer regionalen Ergänzung der Lieferkette für leichte Seltene Erden in Europa und den Vereinigten Staaten werden, doch ihre industrielle Größe, ihr technologisches Niveau und ihr geopolitisches Umfeld machen es schwierig, Chinas globale Dominanz zu brechen. Die entscheidenden Faktoren sind:
- Technologische Durchbrüche: Gelingt der Ukraine ein Quantensprung beim Recycling seltener Erden oder bei der umweltfreundlichen Bergbautechnologie, könnte dies ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern;
- Das Kräftemessen zwischen den Großmächten eskaliert: Wenn die Vereinigten Staaten die Ukraine in einem „Kriegszustand“ um jeden Preis unterstützen, könnte dies den Wiederaufbau der Lieferkette beschleunigen.

Die Lehre aus der Geschichte der Seltenen Erden in der Ukraine ist, dass sich der Wettbewerb um Ressourcen von einem „Reservenwettlauf“ zu einem komplexen Spiel aus „Technologie und geopolitischem Einfluss“ verlagert hat und dass Chinas eigentliche Herausforderung eher von der Dimensionsreduktion durch disruptive Technologien als vom Aufstieg eines weiteren ressourcenreichen Landes ausgehen könnte.

**Weiterführende Überlegungen:** In der neuen industriellen Revolution, die von neuen Energien und KI angetrieben wird, wird derjenige die zukünftige industrielle Wertschöpfungskette dominieren, der die Technologie zur Gewinnung seltener Erden sowie die Forschung und Entwicklung alternativer Materialien kontrolliert. Der Versuch der Ukraine könnte in diesem Zusammenhang nur eine Randnotiz bleiben.